Belgien im Krieg / Orte

Ostkantone

Thema - Kollaboration

Verfasser : Brüll Christoph (Institution : ULG)

Der Begriff Ostkantone bezeichnet die neun Gemeinden der heutigen Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und ihre beiden französischsprachigen Nachbargemeinden Malmedy und Weismes. Es handelt sich dabei um Gemeinden, die 1920 von Deutschland abgetrennt und an Belgien angegliedert worden sind. Eine Ausnahme bildet die Ortschaft Kelmis, das ehemalige Neutral-Moresnet.

Ein kontrolliertes Referendum

Der Versailler Vertrag sah für die Bevölkerung der Kreise Eupen und Malmedy die Möglichkeit vor, sich gegen die Abtretung an Belgien auszusprechen. Davon machten jedoch nur 272 von 33.726 Wahlberechtigten Gebrauch. Vor dem Hintergrund des Resultats wurden die Neutralität und die Freiheit dieser Meinungsäußerung rasch in Frage gestellt.

Zwischen Januar 1920 und März 1925 wurde das Gebiet als Generalgouvernement verwaltet. Mit dem Eingliederungsgesetz vom März 1925 wurden die Kantone Eupen, Malmedy und Sankt Vith dem Bezirk Verviers und der Provinz Lüttich eingegliedert.

AEE-X168-Nr. 00010-0003
Verfasser : Lander
Institution : Archives de l'Etat à Eupen
Sammlung : collection du photographe Lander
Urheberrecht : AEE
Legende des Ursprungs : Non légendée

Nationalitätenkonflikt: „pro-deutsch“ gegen „pro-belgisch“

AEE-X 168-Nr Nr. 00044-0002.
Verfasser : Lander
Institution : Archives de l'Etat à Eupen
Sammlung : collection du photographe Lander
Urheberrecht : AEE
Legende des Ursprungs : Non légendée

Die Polarisierung zwischen einem „prodeutschen“ und einem „probelgischen“ Lager prägt das politische und soziale Leben. Für die Bewohner brachte dies Anpassungsprozesse und Konfliktsituationen mit sich. Trotz der Integrationspolitik der belgischen Regierungen betrachteten viele Bewohner sich als „Belgier zweiter Klasse“. Dies wurde von der deutschen Kulturpropaganda ausgenutzt, die nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten intensiviert wurde. Der Wahlkampf von 1939, von der Katholischen Union unter dem Slogan „Christenkreuz statt Hakenkreuz“ gegen die Heimattreue Front geführt, markierte den Höhepunkt  der Auseinandersetzung.

Zweiter Weltkrieg

Der Einmarsch der Wehrmacht brachte die Annexion durch NS-Deutschland. Auch wenn diese von vielen Bewohnern als „Befreiung“ empfunden wurde und – nicht nur aus Verpflichtung – zum Engagement in NS-Organisationen führte, zeigte sich in der Reaktion auf die antikatholische Politik des Reiches ein Unwohlsein, das durch die Todesmeldungen von der Ostfront noch verstärkt wurde.

Trotzdem wurde die Befreiung im September 1944 mit Misstrauen und Unsicherheit aufgenommen. Im Süden brachte die Ardennenschlacht Tod und Zerstörung in nie gekanntem Ausmaß.

702.jpg
Institution : CegeSoma
Sammlung : Sipho
Urheberrecht : CegeSoma
Legende des Ursprungs : Der Vormarsch in Belgien. Flaggengeschmückte Strassen in St. Vith aus Anlass des Durchmarsches deutscher Truppen.12/5/1940 [Orbis]

Nachkriegszeit

Die Zeit nach 1945 war geprägt von der „Säuberung“ und der Assimilationspolitik der Behörden. Die Zerstörungen waren materiell und geistig. Die jüngste Vergangenheit wurde verdrängt, was eine Voraussetzung zur Herstellung eines sozialen Friedens gewesen zu sein scheint, jedoch  jede kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten verhinderte.

Bibliografie

Brüll, Christoph. “Eupen-Malmedy | International Encyclopedia of the First World War (WW1).” 1914-1918 International Encyclopedia of the First World War. Accessed March 6, 2017.

Colignon, Alain. “Ostkantone.” Jours de Guerre, no. 2 (1990): 105–14.

Lejeune, Carlo. Die Säuberung. Vol. 3 Band 3. Büllingen: ZVS-Edition Lexis Verlag, 2008.

Pabst, Klaus. “Eupen-Malmedy in Der Belgischen Regierungs- Und Parteienpolitik 1914-1940.” Zeitschrift Des Aachener Geschichtsvereins 76 (1964): 205–515.

Schärer, Martin R. Deutsche Annexionspolitik Im Westen: Die Wiedereingliederung Eupen-Malmedys Im Zweiten Weltkrieg. Frankfurt a.M./Berne: Peter Lang, 1978.

Wynants, Jacques. “Cantons de l’Est et Les Dix Communes.” Edited by Paul Aron and José Gotovitch. Dictionnaire de La Seconde Guerre Mondiale En Belgique. Bruxelles: André Versaille, 2008.


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