Belgien im Krieg / Artikel

Erinnerung

Thema - Kollaboration

Verfasser : Kesteloot Chantal (Institution : CegeSoma)

Der Zweite Weltkrieg schweift weiterhin durch unsere Erinnerungen. Belgien wird regelmäßig durch Polemiken aufgerüttelt, die uns wenig über die Vergangenheit lehren, dafür umso mehr über die fragmentierte und mehrfache Weise, in der die belgische Gesellschaft – oder die belgischen Gesellschaften – diese Periode betrachtet. Jeder hat „seinen eigenen“ Krieg erlebt und erinnert sich auf seine eigene Art und Weise daran.

Ein Krieg als Erbe

Die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs machen den belgischen Kontext noch komplizierter. In der Zwischenkriegszeit ist die vaterlandsliebende belgische Erinnerung stärker in der französischsprachigen Umgebung. In der niederländischsprachigen Region ehrt man am Ijzerturm die flämischen Soldaten, die an der Front gestorben sind. Sie werden dort mehr als Opfer des französischsprachigen belgischen Oberbefehls betrachtet denn als Opfer des Feindes. Das Ersuchen eines Großteils der flämischen Bewegung um Amnestie für die alten Aktivisten wird von den patriotischen frankophonen Milieus abgelehnt. Dies trägt auch zu dieser Zersplitterung von Erinnerungen bei. Es ist also nicht verwunderlich festzutstellen, dass der Zweite Weltkrieg dieses Phänomen noch verstärkt.

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Institution : CegeSoma
Urheberrecht : Droits Réservés
Legende des Ursprungs : Non légendé

Orte, die diese Zerrissenheit verkörpern

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Institution : CegeSoma
Urheberrecht : Droits Réservés
Legende des Ursprungs : Eerste plechtigheid ter nagedachtenis van de slachtoffers, gestorven in het concentratiekamp van Breendonk. De optocht werd gevormd in het dorp.Hier een zicht, bij de aankomst op de brug van de vesting. Naast het vaandel ziet men burgemeester Snackaert.

Ab 1944-1945 werden sich diese Erinnerungen, die miteinander in Konflikt stehen, weiter verankern. Die flämische Bewegung, durch den Krieg in Diskredit gebracht, wird sich weiter in einer Opferrolle gefallen. Es ist nicht so sehr das Engagement in der Kollaboration, das hervorgehoben wird, sondern die Strafverfolgungspolitik. Und die wird als anti-flämisch und übertrieben wahrgenommen. Auf der französischsprachigen Seite wird man den Widerstand betonen und die Wirklichkeit und Bedeutung der Kollaboration in Wallonien verschweigen. Der Kontext der Königsfrage wird diese Problematik noch durchkreuzen und die Kluft zwischen Französischsprachigen und Niederländischsprachigen noch vergrößern.  Zwei Orte verkörpern diese Kluft: das Konzentrationslager Breendonk für die Erinnerung an den Widerstand und der Ijzerturm für die Erinnerung an die Kollaboration.

 

Nach und nach werden die katholischen Flamen und die flämischen Nationalisten Amnestieforderungen formulieren, die auf eine glatte Weigerung der Französischsprachigen, aber auch der Widerstandsvereinigungen in Flandern, stoßen.

Unter dem Deckmantel des Antifaschismus

Beim Erstarken des Rechtsextremismus und der Krise des belgischen Einheitsstaates machen die patriotischen Erinnerungen allmählich Platz für eine Erinnerung, die auf das Engagement gegen den Faschismus und für die Demokratie fokussiert ist. Diese zerrissenen Erinnerungen gehen mit Kontroversen und Polemiken über die Amnestiefrage, über die Rolle einiger Persönlichkeiten während der Besetzung, aber auch über die Haltung der belgischen Behörden einher. Die Staatsreform kennt zudem auch ein deutliches Engagement der föderalen Behörden in der Erinnerungspolitik.  

Die Diversität der Auffassungen und Erklärungen über den Zweiten Weltkrieg hat die gesamte Erinnerungsproblematik permanent aktuell gehalten: keine zerrissenen Erinnerungen ohne Polemiken, keine Polemik ohne zerrissene Erinnerungen. Aber Belgien hat nicht nur das Monopol einer komplexen Interpretation der Kriegsvergangenheit. Auch in anderen europäischen Ländern ist diese Vergangenheit, „die einfach nicht vorbeigeht“, regelmäßig Gegenstand von Kontroversen. Die Tatsache selbst, dass es noch stets derartige Emotionen hervorruft, beweist, dass wir mit dem Zweiten Weltkrieg noch nicht abgeschlossen haben.

Bibliografie

Benvindo, Bruno, and Chantal Kesteloot. “Témoins, Historiens, Etats : Mémoires de La Seconde Guerre Mondiale En Belgique.” In Images Des Comportements Sous l’Occupation. Mémoires, Transmission, Idées Reçues, by Jacqueline Sainclivier, Jean-Marie Guillon, and Pierre Laborie, 93–111. Rennes, 2016.

Benvindo, Bruno, and Evert Peeters. Les Décombres de La Guerre : Mémoires Belges En Conflit, 1945-2010. Waterloo: Renaissance du Livre, 2012.

Lagrou, Pieter. Mémoire Patriotique et Occupation Nazie. Résistants, Requis et Déportés En Europe Occidentale, 1945-1965. Bruxelles: Complexe, 2003.


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