Belgien im Krieg / Artikel

Politik des geringsten Übels

Thema - Kollaboration - Justiz

Verfasser : Wouters Nico (Institution : CegeSoma)

Sammelbezeichnung für die belgische behördliche und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der deutschen militärischen Besatzungsverwaltung. 

Ursprung

Das internationale Abkommen von Den Haag und das belgische Gesetz über die Pflichten von Beamten in Kriegszeiten (das ‚Gesetz Bovesse‘) vom 5. März 1936 verpflichten die Verwaltung zu einer loyalen Zusammenarbeit mit einer feindlichen Besatzungsmacht.  Es ist die erklärte Absicht, das öffentliche Leben aufrechtzuerhalten und die öffentliche Ordnung im Interesse der belgischen Bevölkerung zu garantieren. Die belgischen Behörden bündeln diese Verpflichtungen im Zivilen Mobilmachungsbuch.

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Institution : CegeSoma
Urheberrecht : Droits Réservés
Legende des Ursprungs : Non légendée

Was später als ‚Politik des geringsten Übels‘ bezeichnet werden wird, nimmt jedoch erst nach der deutschen Invasion eine konkrete Form an. Sieentsteht im einzigartigen Kontext des Sommers 1940, in dem die belgischen Verwalter große Probleme lösen müssen, unter anderem die  Lebensmittelversorgung und die Arbeitslosigkeit. Der deutsche Besatzer gibt sich in der Zwischenzeit gemäßigt und verspricht, das internationale Kriegsrecht zu respektieren. Man sucht Kontinuität als Damm gegen eine Machtübernahme von Kollaborateuren.

Ein erster zentraler Baustein ist der Neustart der belgischen Wirtschaft. Der Rahmen hierfür wird vom Galopin-Komitee geboten. Die Schattenseite ist, dass die deutsche Kriegsindustrie unterstützt wird. Ein zweiter zentraler Baustein ist die Vernunftehe zwischen der deutschen militärischen Besatzungsverwaltung und dem belgischen Verwaltungsapparat, aus der u.a. die Verwaltung der Generalsekretäre resultiert. Die Schattenseite ist, dass eine deutsche Politik ausgeführt werden muss. 

Die Politik des geringsten Übels ist keine zentral gesteuerte und einheitliche Politik. Es gibt allerdingseine zugrundeliegende
Philosophie, und zwar die Verteidigung der nationalen belgischen Interessen. Die erforderliche Voraussetzung dafür ist, möglichst viel Verwaltungsmacht in belgischen Händen zu halten. Die Logik ist, dass dies in jedem Fall besser ist, als diese Macht dem Besatzer oder pro-deutschen Kollaborateuren zu überlassen.

Entwicklung

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Institution : CegeSoma
Urheberrecht : Droits Réservés
Legende des Ursprungs : Le choix du moindre mal

Bereits rasch wird deutlich, dass die Politik des geringsten Übels zu einer Eskalation an Zugeständnissen gegenüber der deutschen Besatzungsmacht führt. Viele der Ausgangspunkte aus dem Jahr 1940 erweisen sich bereits 1941 als bedeutungslos. Doch wird die Politik bis zum Ende der Besatzung durchgehalten. Der Grund dafür ist unter anderem, dass sich diese Politik pragmatisch anpasst und nach und nach Formen von heimlichem Widerstand gegen die Politik des Besatzers umfasst.  Die Politik des geringsten Übels wird so ein komplexes Schachspiel mit permanenten strategischen Erwägungen.

Evaluierung

´Politik des geringsten Übels` ist ein Begriff, der von der belgischen Elite selbst entworfen wurde. Der Begriff drückt eine defensive Position aus. Die Botschaft ist, dass eine Zusammenarbeit mit dem deutschen Besatzer keine guten Entscheidungen beinhaltete, lediglich unterschiedliche Abstufungen von schlechten Entscheidungen. Der Begriff hat einen negativen Beiklang bekommen. Er drückt eine schwache Haltung aus, einen Mangel an demokratischer Wehrhaftigkeit oder selbst ein moralisches Scheitern. Diese ‚moralische Evaluierung‘ ausgehend von einem aktuellen Standpunkt ist ahistorisch und geht gänzlich an der Komplexität der Führung in Besatzungszeiten vorbei.

Bibliografie

Gérard-Libois, Jules, and José Gotovitch. L’an 40 : La Belgique Occupée. Bruxelles: CRISP, 1971.

Wouters, Nico. De Führerstaat: Overheid En Collaboratie in België (1940-1944). Tielt: Lannoo, 2006.

Luyten, Dirk. “De ‘Opdracht’ van de Regering Aan Het Galopin-Komitee Op 15 Mei 1940.” Cahiers-Bijdragen van Het Navorsings- En Studiecentrum Voor de Geschiedenis van de Tweede Wereldoorlog, no. 16 (1994): 163–71.

Verstraete, Pieter Jan. Victor Leemans: Een Biografische Kennismaking. Kortrijk: Pieter Jan Verstraete, 2016.


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