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Institution : Archive familiale Brüll
Urheberrecht : Famille Brüll
Legende des Ursprungs : Nikolaus Brüll ( à droite) est enrôlé au sein de la Wehrmacht en octobre 1941 suite au décret conférant la nationalité allemande aux habitants des Cantons de l’Est. Enfermé au centre d’internement de Verviers à la fin du conflit, il est définitivement libéré en octobre 1946.
Kriegsschicksale

Nikolaus Brüll

Thema - Kollaboration

Belgier, Deutscher, Belgier ... Der Weg von Nikolaus Brüll steht stellvertretend für den einer ganzen Generation junger Männer in den Ostkantonen.

Verfasser : Brulard Margot (Institution : CegeSoma)

Mai 1940. Der junge Nikolaus Brüll ist siebzehn Jahre alt. Gebürtig aus Eupen, ist er in den „Ostkantonen“ aufgewachsen, die Belgien 1920 angegliedert worden waren.

Nikolaus ist also Belgier seit seiner Geburt. Seine Eltern hingegen waren Deutsche und wurden erst durch den Staatenwechsel zu belgischen Staatsbürgern. In der Familie fühlt man sich jedoch immer noch zum alten Vaterland hingezogen. Die Beziehung zu Deutschland und zu Belgien kann in der Zwischenkriegszeit ganze Familien zerreißen.

Die Annexion

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Institution : Archives familiales Brüll
Urheberrecht : Famille Brüll
Legende des Ursprungs : Groupe des Jeunesses hitlériennes à Eupen en 1940. Suite à l’annexion des Cantons de l’Est par l’Allemagne, les Jeunesses hitlériennes deviennent officiellement l’unique mouvement de jeunesse.

Die Lage ändert sich mit dem Einmarsch: am 10. Mai 1940 fallen deutsche Truppen in Belgien ein. Hitler verkündet sehr rasch, am 18. Mai, die Annexion der Gebiete, die früher zu Deutschland gehört hatten. Kurze Zeit später werden auch zehn Gemeinden annektiert, die nie deutsch gewesen waren. 

Die Gesellschaft wird schnell gleichgeschaltet und die Bevölkerung in das Deutsche Reich integriert. Der Familie Brüll geht es genauso. Nikolaus meldet sich, wie viele Gleichaltrige, im September 1940 freiwillig zur Hitler-Jugend.  Er ist ebenfalls Mitglied der DeutschenArbeitsfront, eine nationalsozialistische Organisation, in der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammengeschlossen sind. Somit kann er weiterhin im Textilsektor beschäftigt bleiben. Sein Vater wird zudem Mitglied der NSDAP. 

Deutscher

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Institution : Archives privées
Urheberrecht : Archives privées
Legende des Ursprungs : Non légendée

Am 23. September 1941 wird Nikolaus Deutscher. Ein Dekret verleiht den Bewohnern der Ostkantone die deutsche Staatsangehörigkeit und den Bewohnern der Zehn Gemeinden die deutsche Staatsangehörigkeit auf Widerruf.

Nikolaus’ Lebensweg wendet sich: nunmehr Deutscher, wird er, wie 8.700 andere junge Männer, zur Wehrmacht eingezogen.

Einberufung, Erfassung, Musterung, alles geht sehr schnell. Im Oktober 1941 wird Nikolaus in Bielefeld im 18. Infanterieregiment mobilisiert. Nach einer sechsmonatigen Ausbildung geht es an die Ostfront. 

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Institution : CegeSoma
Urheberrecht : Droits Réservés
Legende des Ursprungs : Non légendée
 

Am 31. August 1943 wird seine militärische Laufbahn jäh gestoppt. Der junge Mann wird schwer am rechten Bein verletzt. Er wird amputiert und verbringt das Kriegsende in Militärkrankenhäusern in Prag und Pilsen. Im Mai 1945 wird er von amerikanischen Truppen gefangen genommen und im Lager Eger festgehalten. 

Zurück in der Heimat

Oktober 1945. Nach Jahren im Krieg und fünf Monaten Gefangenschaft kehrt Nikolaus endlich nach Eupen zurück. Die Rückkehr wird von körperlichen und psychischen Folgen begleitet. Er muss seinen Platz in einer trauernden Gesellschaft finden, die zudem die Folgen der deutschen Niederlage bewältigen muss. 

Seit der Befreiung gehören die Ostkantone wieder zu Belgien. Die Haltung der Bevölkerung während des Kriegs ist Gegenstand vieler Fragen. Die Verdächtigungen sind allgegenwärtig: 15.623 Akten wegen Kollaboration werden von den Militärauditoraten in Eupen und Malmedy angelegt; ca. 25 % der Bevölkerung sind betroffen (gegenüber 4 % im besetzten Belgien).

Auch für Nikolaus interessiert sich die Justiz. Einige Monate nach seiner Rückkehr wird er im Internierungslager Verviers inhaftiert und muss sich Verhören unterziehen. Es gibt verschiedene Verdachtsmomente: Waffen tragen gegen Belgien und Mitgliedschaft in der Hitler-Jugend.  

Da er beweisen kann, dass sein Militärdienst verpflichtend gewesen war, wird er rasch frei gelassen. Insgesamt werden über 80 % der Verfahren eingestellt, werden jedoch 1.503 Personen aus den Ostkantonen verurteilt; d.h. 2,41 % der Bevölkerung (gegenüber 0,68 % im besetzten Belgien).

Nikolaus wird also nicht von der Justiz verfolgt, doch bleiben zahlreiche Fragen: wie hat er sich in der deutschen Armee verhalten? Wie bei den Kämpfen? Wie hat er sich gegenüber der Bevölkerung in den besetzten Gebieten verhalten? 

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Institution : Archives de l'Etat, Liège
Sammlung : Fonds de la prison de Verviers, Archives du centre d'internement de Verviers
Legende des Ursprungs : Non légendée
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Institution : Archives familiales Brull
Sammlung :
Urheberrecht : Famille Brüll
Legende des Ursprungs : Certificat de civisme conféré par la ville d’Eupen à Nikolaus Brüll, ancien enrôlé de force dans la Wehrmacht. Ce certificat est nécessaire pour accéder à certaines fonctions, avantages ou services publics. Il est refusé à tout ceux convaincus d’incivisme.

Das individuelle Verhalten der Rekruten aus den annektierten Gebieten ist kaum bekannt, auch die Frage ihrer Verantwortlichkeit ist kaum je gestellt worden. Der Zwangscharakterder Einberufungen und der Opferdiskurs der Nachkriegszeit verhindern einen gelassenen Umgang mit dieser Vergangenheit.

In den ersten Nachkriegsjahren verliert Nikolaus jedoch seine bürgerlichen und politischen Rechte. An den Wahlen von 1946 darf er nicht teilnehmen. Diese Maßnahme betrifft fast jeden zweiten Bewohner der Region von Eupen-Malmedy.

Schließlich bekommt Nikolaus am 12. April 1947 seine Bürgerlichkeitsbescheinigung und erhält wieder in „den Genuss und die Ausübung aller Menschen- und Bürgerrechte“ zurück.  

Kriegsfolgen

Nikolaus kehrt nicht unversehrt aus dem Krieg zurück. Er muss lernen, ohne sein rechtes Bein zu leben. Diese Folgen sind für alle sichtbar: Er bewegt sich nunmehr immer mit seinem Stock fort.

Die Situation der ehemaligen Soldaten ist schwierig. Sie erhalten kaum finanzielle Hilfe vom Staat, da sie nicht über ein juristisches Statut verfügen. Diese Situation wird lange andauern. Im Jahr 1962 überweist die Bundesrepublik Deutschland einen finanziellen Beitrag zur Entschädigung der ehemaligen Soldaten. Das Geld wird jedoch vom belgischen Staat nicht ausgezahlt; die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Opfern des Kriegs verhindert dies. Es sollte bis 1974 dauern, ehe ein Statut verabschiedet wurde, und bis 1989, ehe das Geld ausgezahlt wurde. Nikolaus erhält zudem eine Invaliditätsentschädigung von Seiten des deutschen Staates.

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Institution : Archives familiales

Die Kriegserfahrung bestimmt auch nachher sein Leben. Seine Amputation bringt ihn dazu, sich für die berufliche Integration von Behinderten einzusetzen. Er engagiert sich auch für die Kulturautonomie für das deutsche Sprachgebiet in Belgien.

Der Einfluss des Kriegs auf die folgenden Generationen

Der Zweite Weltkrieg hat Nikolaus’ Schicksal tiefgreifend bestimmt. Die Kriegsfolgen sind sogar über seinen Tod hinaus spürbar und beeinflussen die folgenden Generationen.

Der Historiker Christoph Brüll, ein Enkel von Nikolaus, erklärt, wie das Schicksal seines Großvaters sein eigenes Leben geprägt hat.

Bibliografie

Brüll, Christoph. « Les « enrôlés de force » dans la Wehrmacht – un symbole du passé mouvementé des belges germanophones au xxe siècle ». Guerres mondiales et conflits contemporains 1, no 241 (2011): 63‑74.

Schärer, Martin R. Deutsche Annexionspolitik im Westen: die Wiedereingliederung Eupen-Malmedys im zweiten Weltkrieg. Frankfurt a.M./Berne: Peter Lang, 1978.

Colignon, Alain. « Ostkantone ». Jours de guerre, no 2 (1990): 105‑14.

Quadflieg, Peter M. Zwangssoldaten" und « Ons Jongen » : Eupen-Malmedy und Luxemburg als Rekrutierungsgebiet der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Aix-la-Chapelle: Shaker, 2008.

Wynants, Jacques. « Les autorités belges et la situation des Cantons de l’Est 1940–1944 ». Bulletin d’information du Centre liégeois d’Histoire et d’Archéologie Militaires 9, no 1 (mars 2004): 15‑26.


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