Belgien im Krieg / Artikel

Widerstand

Thema - Widerstand

Verfasser : Maerten Fabrice (Institution : CegeSoma)

Seit Sommer 1940 verweigern sich Frauen und Männer der Besatzungsmacht. Sie fühlen sich dadurch verpflichtet, aktiv gegen die Besatzer und ihre Unterstützer vorzugehen. Parallel zur Entwicklung des Widerstands verstärkt sich die Repression.

ENTWICKLUNG DER WICHTIGSTEN KOMPONENTEN

Der Widerstand entwickelt sich zunächst in Kreisen des kleinen und mittleren französischsprachigen Bürgertums, in der Nähe der Veteranenkreise, in dem ein von starker Deutschenfeindlichkeit dominierter Patriotismus herrscht. Diese Opposition manifestiert sich seit den ersten Monaten der Besatzung durch die Hilfe für britische Soldaten, die nach Großbritannien zurückkehren wollen, durch die Errichtung erster Zellen von Geheimdiensten, durch den Druck von illegalen und geheimen Flugblättern und durch die Teilnahme an patriotischen Demonstrationen.

Der Antifaschismus ist ein weiterer Grundwert des Widerstandes. Vor dem Krieg wird er vor allem durch die Kommunistische Partei Belgiens (Parti communiste de Belgique, PCB) vertreten. Nach der Invasion der Sowjetunion durch Deutschland im Juni 1941 liegt das Hauptaugenmerk der Kommunisten auf der Befreiung des besetzten Gebietes. Im Bewusstsein seiner Marginalität rief die PCB im Herbst 1941 die Unabhängigkeitsfront (Front de l’indépendance, FI), als eine  Struktur mit dem Ziel, alle widerständigen Initiativen auf einer patriotischen und nicht-ideologischen Basis zusammenzufassen, ins Leben. Es gelingt der Partei viel Wohlwollen von der gemäßigten Linken zu erhalten,  jedoch nicht von den Sozialisten und der patriotischen Rechten.

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Institution : CegeSoma
Sammlung :
Urheberrecht : Droits réservés
Legende des Ursprungs : Das illegale "libre belgique". Aufnahme aus dem Jahr 1944 in der geheimen Druckerei, 87 rue St. Gilles, in Lüttich

Letztere schließen sich vor allem in der Belgischen Legion zusammen, eine im Herbst 1940 zur Unterstützung des Königs gegründete und von Militärkreisen ausgehende Bewegung, die sich ab 1941 in eine Organisation zur Stärkung der angelsächsischen Verbündeten im Vorfeld der Befreiung umwandelt. Ab 1944 wird die Legion umbenannt in Geheimarmee (Armée secrète, AS).

ENTWICKLUNGSFAKTOREN

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Institution : CegeSoma
Sammlung :
Urheberrecht : CegeSoma
Legende des Ursprungs : Funker bei der Arbeit, n.d.

Anfang 1942 besteht der organisierte Widerstand aus einigen hundert Zellen, die sich hauptsächlich in den großen Städten des Landes und den Industrieregionen Walloniens konzentrieren. Bis Sommer 1944 wird er sich auf das ganze Land ausgedehnt haben und ungefähr 150.000 Mitglieder zählen, das sind ca. 3% der Bevölkerung zwischen 16 und 65 Jahren.

Diese Entwicklung ist zum Teil auf die  Empörung durch die Judendeportationen im Sommer 1942 und besonders auf die Einführung des obligatorischen Arbeitsdienstes in Deutschland im Oktober des gleichen Jahres zurückzuführen. Es kommt zu einer umfassenden Widerstandsbewegung, die hauptsächlich durch die FI dirigiert wird. Die Integration von Widerstandskämpfern in klandestine Strukturen und vor allem das breite Netz an zuverlässigen Helfern, das erforderlich ist um den  Zehntausenden untergetauchten Personen zu helfen, erweitert die Basis des Widerstandes, die sich jetzt auch aufs Land entwickelt.

Die Zunahme des aktiven Widerstands erfolgte auch durch die zunehmende Abscheu vor den Deutschen, den Hass auf Kollaborateure, und die Verschärfung der Repression, die mit Hilfe von Belgiern organisiert wird. Auch die militärische Lage ab Ende 1942, besonders der sowjetische Sieg in Stalingrad (Anfang 1943), die Kapitulation Italiens (Sommer 1943) und die Landung in der Normandie (Juni 1944), sorgt für einen Anstieg der Mitgliederzahlen.

Das heißt, dass sich der Widerstand zum Ende der Besatzung immer noch aus drei großen Gruppen zusammensetzt: Die vom kleineren und mittleren französischsprachigen Bürgertum dominierten Strukturen (Fluchtwege, Nachrichtenübermittlung, belgische Nationalbewegung), das Konglomerat an Organisationen um die FI sowie eine ebenso mächtige Geheimarmee.

FAZIT

Auch wenn es dem Widerstand nicht gelang den deutschen Griff auf das Land spürbar zu lockern, so behinderte er die Deutschen vor allem ab Herbst 1943 als er begann vermehrt Sabotageakten auszuüben. Außerdem beschleunigte seine Unterstützung  der Befreiungsoffensive der Alliierten die Befreiung des belgischen Grundgebietes.

Dank des Engagements der Widerstandskämpfer konnten zehntausende Unterlagen gesammelt und an die belgischen und britischen Dienststellen in London weitergeleitet werden. Hunderte Flieger, Widerständler, Persönlichkeiten und zukünftige Soldaten wurden ebenfalls über die Fluchtwege nach Großbritannien gebracht.

Zahlreiche Attentate setzten dem Treiben der Denunzianten ein Ende. Wie die Untergrundpresse verfolgte der Widerstand moralische und politische Ziele: die Bevölkerung daran hindern zum Feind überzulaufen oder den Besatzer weiterhin zu unterstützen. Durch seinen engen Kontakt zur belgischen Regierung in London konnte der Widerstand außerdem nach der Befreiung bei der Wiederbelebung des öffentlichen Lebens helfen, was sich ziemlich reibungslos gestaltete. Darüber hinaus trug der Widerstand nach dem Krieg dazu bei das Ansehen Belgiens in den Augen der Siegermächte zu erhöhen.

Schlussendlich liegt sein Verdienst auch auf humanitärer Ebene. Durch ihn konnten viele alliierte Soldaten ebenso wie tausende Verweigerer des obligatorischen Arbeitsdienstes in Deutschland  harten Lebensbedingungen und einem ungewissen Schicksal entkommen, tausende Juden wurden versteckt und so vor ihrem sicheren Tod gerettet.

ERBE

Trotz dieser positiven Bilanz, die um den Preis schrecklicher Opfer erworben wurde (mehrere zehntausend verhaftete Widerstandskämpfer und etwa 15.000 Tote), hinterlässt der Widerstand nur ein bescheidenes Erbe. Sein Ruf ist teilweise durch exzessive Gewaltausbrüche (schwierig zu rechtfertigende Anschläge, Diebstahl zu persönlichen Zwecken) und die künstliche Erhöhung seiner Mitglieder bei der Befreiung getrübt. Darüber hinaus waren seine Aktivitäten im September 1944 der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt und es gab die meiste Anerkennung für den Anteil der alliierten Truppen.

Vor allem gelang es ihm nach der Befreiung kaum mit einer Stimme zu sprechen, da die verschiedenen Interessengruppen nach dem Sieg über den gemeinsamen Feind ihre Autonomie wiedererlangten.  

Am Rande der katholischen, sozialistischen und liberalen Parteien, die damals die Säulen der belgischen Gesellschaft bildeten, verliert der Widerstand nach dem raschen Zusammenbruch der kommunistischen Partei im Zuge des Kalten Krieges jeglichen politischen Einfluss und war während der Königsfrage gespalten. Schließlich wurde es ab den 1960er Jahren schwierig, sich an den Patriotismus anzulehnen, in einem Land, in dem das Modell des Einheitsstaates in Frage gestellt wird. Der Widerstand gehört seitdem der Vergangenheit an. Obwohl der Widerstand in Flandern sehr  aktiv war, ist das Gedenken an ihn dort  wenig präsent und sein Bild eher negativ. In Wallonien dagegen beruft man sich vor allem auf den ihn tragenden Antifaschismus. Jedenfalls wird sein Vermächtnis im Kampf gegen die extreme Rechte und die Verteidigung der Demokratie eingesetzt. Gleichzeitig fokussiert sich aber das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg mehr und mehr auf die Judenverfolgung.

Bibliographie

Maerten, Fabrice, « La résistance en Belgique, 1940-1944 », in : Le fort de Breendonk. Le camp de la terreur nazie en Belgique pendant la Seconde Guerre mondiale. Dossier pédagogique, Bruxelles : Racine, 2006, p. 33-59.

Maerten Fabrice, "La résistance en Belgique durant la Seconde Guerre mondiale", http://www.democratieoubarbari...

Verhoeyen, Étienne, « Quatrième partie : la résistance », in : La Belgique occupée. De l’an 40 à la Libération, Bruxelles : De Boeck-Wesmael, 1994, p. 331-511.

Pour en savoir plus...

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